SWR2 Feature am Sonntag 9.4.; 14.05 „Die Welt braucht dich“ – eine Geschichte im Freestyle

April 8, 2017 by · Leave a Comment
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Eymen alias MC Intifada und Jamal alias MC Konta

 

http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/feature/swr2-feature-am-sonntag-die-welt-braucht-dich/-/id=659934/did=19062042/nid=659934/ufvsjh/index.html

Jamal alias MC konTa und Eymen alias MC Intifada touren als Rapper durch die Republik. Ihre Devise: Gemeinsam sind wir stark! Für eine Welt frei von Diskriminierung!

Jamal: Rasta-Locken, Vater aus Guinea, Mutter aus dem Libanon. Eymen: kurze Haare, Vater Tunesier, Mutter Deutsche. Die völlig unterschiedlichen Charaktere verstehen sich als „brothers from another mother“ – ziemlich allerbeste Freunde.

Der 28-jährige Eymen studiert Sozialarbeit; lebt in der Dortmunder Nordstadt, macht Rap- und Hip-Hop-Workshops mit den Kids, geht boxen und in die Moschee. Der 30-jährige Jamal lebt in Berlin, hat eine kleine Tochter, arbeitet mit Jugendlichen und Flüchtlingen im ganzen Land, betreibt Aikido und hat immer seine zerfledderte Bibel dabei. Eymen hat eine Karriere als Versicherungsvertreter hinter sich. Jamal einen Versuch als Getränkehändler. Jamal und Eymen rappen ihr Leben.

berlin – einen tag danach

Dezember 21, 2016 by · Leave a Comment
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Heute am späten Nachmittag habe ich mich aufgemacht in Richtung Breitscheidplatz. Als ich am Zoo aus der S-Bahn stieg, kam mir Berlin so leise vor. Dann: Richtung Ort des Geschehens – alles weiträumig abgesperrt – unzählige Polizisten – auch auf dem Flachdach von Bikini Berlin. Ich musste an Rio Reiser´s „TON  STEINE  SCHERBEN“ denken, die im Refrain sangen „der Mariannenplatz war blau, so viel Bullen waren da“. Der Zugang zu Bikini Berlin: auch abgesperrt. Unzählige Kerzenlichter und Blumen. Man spürt, dass die Menschen das Ereignis irgendwie ritualisieren müssen. Kein Verkehr hier. Berlin ist leise geworden.
Ich fahre weiter zum Hauptbahnhof. 19h. Niemals habe ich den Hauptbahnhof so erlebt. Ein Ort, der normalerweise überquillt von Menschen und eine für mich (normalerweise) unerträgliche Energie verbreitet, kommt mir unendlich leer vor. Die Reisenden huschen. Einige Rolltreppen sind gesperrt. Ich stelle mir vor, dass sich selbst auf dem Bielefelder Bahnhof zu dieser Zeit mehr Menschen befinden müssen. Berlin hat nicht nur einen Gang zurückgeschaltet. Leise ist es geworden, aber nicht still. Keine stille Nacht. Weihnachten war anders.

radio – s – on // arte sonoro // workshop

November 30, 2016 by · Leave a Comment
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El termino „arte sonoro“ abre un abanico muy amplio – desde las instalaciones audiovisuales y multicanales, las grabaciones de campo (field-recordings), los „listening rooms“ hasta los más sofisticados DJs. Pero no deberíamos hablar sobre „arte sonoro“ sin hacer referencia a la radio.

Al principio del siglo XX el nuevo medio de la radio unía tanto la reproducción como la dislocación del mundo de las cosas y creaba por primera vez un mundo de la escucha. En él se podía percibir el mundo de las cosas a través del oído interior como si de un cine dentro de la cabeza se tratara. El escritor alemán Thomas Mann comentaba entonces que „el mundo entero entraba en las casas a través de la radio“.

Asimismo la radio forma parte de nuestra vida diaria como objeto: como „aparatus tecnicus“, como fuente de ondas sonoras, como podcast en el ordenador o como un objeto de diseño dentro de nuestro mundo de las cosas.

La radio emite ondas sonoras. Un proceso físico. Un proceso que se efectúa en un „no-lugar“. Por lo tanto podríamos definir la radio como un no-lugar y como no-lugar es una utopía (véase al respecto el texto „Michel Foucault: otros espacios“). Una utopía donde se unen la reproducción y la dislocación de las cosas del mundo, creando un verdadero arte de la escucha que provoca la concentración en lo ausente, y cuya intensidad disipa toda la atención en lo presente, llevándonos a otro espacio.

Todo tipo de arte sonoro alberga esa obligación vinculante como arte de la escucha. Hoy en día la radio parece que funciona mayoritariamente al revés: la disipación se ha transformado en el contenido del programa y ayuda al oyente para que se concentre mejor en sus tareas diarias.

Dentro del taller haríamos un breve recorido del arte sonoro dentro del arte contemporáneo y también de la historia de la radio, enfocándonos, entre otros, en ilustres artistas como Ramón Gómez de la Serna, pionero en Radio Unión (en cuyo tarjeta figuraba la leyenda „poseedor de un micrófono“) o el artista fluxus Wolf Vostell que ya realizó un radio-happening en 1969.

„No it is!“ (Gropius Bau noch bis zum 21.8.2016)

August 15, 2016 by · Leave a Comment
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M A I L L I W     E G D I R T N E K

 

who´s that guy?

 

W I L L I A M    K E N T R I D G E

 

EINER DER obsessiv mit seinem Spiegelbild redet, Filme rückwärts laufen lässt, rückwärts sprechen und singen lässt.

 

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„it´s not me and the horse is not mine.“

who is me?

who is in the mirror?

und warum gehört das Pferd nicht ihm?

Würden wir das Wort „Pferd“ in M A I L L I W´s Enzyklopädien nachschlagen, die in seiner Atelier-WUNDERKAMMER I ausliegen, würde es wahrscheinlich nicht lesbar sein, denn eine gestische Pinselzeichnung (der Verzweiflung? des abstraken Hinzufügens?) oder eine tanzende Figur machte die Erklärung wahrscheinlich unkenntlich, aber keineswegs bliebe diese kleine Performance ohne Erkenntnis.

K. macht in seiner „Drawing Lesson“ ein Pferd aus schwarzen Papierschnipseln. Die Papierschnipsel werden verschoben, die Form verändert sich, aber es bleibt ein Pferd. Wir erkennen ein Pferd, aber es ist nicht unser Pferd. Dennoch ist es ein Schlüssel zur Welt. K. sagt, das Blatt Papier mit dem Pferd ist eine Membran zwischen Betrachter und Welt. Und insofern unterliegen die Gefangenen in Platon´s Höhlengleichnis keiner Täuschung, denn was sie sehen gehört zur Wahrnehmung und zur Erkenntnis der Welt. Deswegen gehört das Pferd niemals ihm oder uns.

Eine Enzyklopädie kann die Welt nicht erklären.

„How to give sense to the world?“ fragt der Künstler.

Zeichnen (!) um der Welt einen Sinn zu geben. Wenn ich mich umschaue in „No it is!“, versucht Kentridge der Welt Sinn zu verleihen in SCHWARZ // WEISS. Black and White. Licht und Schatten. Zeichnen mit schwarzem Pinsel auf hellem Papier. Animierte Schnipsel, amorphe Figuren, huschen in seinen Filmen über die Leinwand in einer ständigen Metamorphose, Schattenrisse ihrer selbst. Nur der Kater (Felix in Exile) ist blau, wenn er nachts bei Mondlicht durch die Stadt streicht.

E G D I R T N E K ist Jahrgang 1955, ungefähr so alt wie ich. Er wächst im weissem Bildungsbürgertum in Südafrika auf. In einer Gesellschaft der APARTHEID. Es gibt nur schwarz und weiss. William hatte Glück. Er ist weiss. Aber sein Schatten ist auch schwarz. Gibt es eine Verbindung? Disorder. „Disorder of Melancholy“, eine weitere Enzyklopädie in seiner WUNDERKAMMER I – übermalt // schwarz // weiss. Mein Schatten fällt auf die Vitrine.

Auf der Bühne steht der weisse, weise Mann am Rednerpult in seiner theatralischen „Drawing Lesson, Refuse the hour“. Es geht um die philosophische und politische Dimension von Zeit: die Einführung der mitteleuropäischen Zeit wird als kolonialer Akt gedacht, denn sie hat den indigenen Völkern ihren Zenit gestohlen. K. dröselt seinen Gedankengang sehr fein auf – er fährt Musik und Tanz dazu auf – eine weitere Membran zwischen dem Betrachter und der Welt. „Disorder of Melancholy“. Und immer wieder diese melancholische Minimal-Musik von Philip Miller.

Hier – wie in seinem 8-kanaligen Prozessions-Video “ More sweetly play the Dance“ – ein Hauch von Farbe wie eine handkolorierte Schwarz/Weiss-Fotografie.

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Eine endlose  P r o z e s s i o n – P r o z e s s – i o n. Uncertainty. Sind es noch Lebende oder schon Tote, die über den Fluss müssen und dem Fährmann Charon ihren Obolus entrichten werden, um in das Totenreich zu gelangen? Eine Sisyphos-Liturgie auf acht Leinwänden. Untermalt von der eindringlichen Musik von Philip Miller. Mir scheint hier wird ein Stück Moderne zu Grabe getragen.

In seinem Atelier wandert K. umher, unruhig wie ein Tiger im Käfig – nur in der Bewegung kann sich etwas manifestieren – das Atelier ist der wichtige Ort, die Wunderkammer – Prozess und Prozession. Auf acht Projektionsflächen taucht der Meister immer wieder auf, oft mit sich selbst – immer wieder fragend – Spiegel im Spiegel im Spiegel. Der Vorgang des Zeichnens läuft rückwärts – und dann wieder nur ein weisses, unbeschriebenes Blatt. Eine nackte, weisse Frau steigt die Treppe zu seinem Atelier herunter. (Ich denke Marcel Duchamp und Gerhard Richter). Warum ist es eine weisse Frau? und keine Schwarze? Seine Tänzerin ist schwarz, seine rezitierende Sängerin, Joanna Dudley, eine Weisse (A guided Tour of the Exhibition for Soprano and Handbag).

Alle Medien, die  K E N T R I D G E  benutzt, scheinen wie seziert, an ihre Grenzen getrieben und am Ende irgendwie doch zusammen – für einen Moment. Dann läuft alles wieder rückwärts. Refuse the hour, eine E G D I R T N E K´sche List? Uncertainty. Prozess – ion goes on and on. Nichts ist sicher. „no it is!“.

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Tischlerei in der Deutschen Oper Berlin: UNDERLINE

Juni 17, 2016 by · Leave a Comment
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UNDERLINE

zieht den Betrachter in einen Sog von audio-visueller Konstruktion und De-Konstruktion unter höchstem physischen Einsatz aller Akteure. Deville Cohen und Hugo Morales haben sich hier von dem futuristischen Roman „Flatland“ von Edwin A. Abbot, in dem die autobiografische Geschichte eines Quadrats erzählt wird, inspirieren lassen. Eine topologische Raumerkundung, in der Zweidimensionales äußerst subtil Dreidimensionales vorgaukelt und umgekehrt und das alles mit Modulen aus dem Bauhaus, sowie konstruktivistischen, karussellartigen Skulpturen, die sich unter schwerster körperlicher Anstrengung immer wieder verwandeln und gleichzeitig als Projektionsfläche dienen, auf der in ausgefeilten Videos das Spiel mit den Dimensionen in Vexierbildern weitergetrieben wird. Die vier Perkussionisten arbeiten auf grauen Regenrohren und blasen in Plastikschläuche – in der elektronischen Bearbeitung entstehen atemberaubende Soundsequenzen, die dann wieder gebrochen werden durch den Einsatz von elektrischen Werkzeugen, z.B. einer Stichsäge. So entwickelt sich eine theatralisch – musikalische Sequenz aus der anderen, in der sich geradezu organisch alle Elemente früher oder später aufeinander beziehen in der Konstruktion und der De-Konstruktion. Hier wird die Schopenhauer´sche Idee der Welt als Vorstellung im wahrsten Sinne des Wortes Vorstellung auf der Bühne.

Weitere Vorstellungen: 18., 19., 23., 24 Juni 2016

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Operation Bolero – das spanische Kollektiv in Ost-Berlin

April 25, 2016 by · Leave a Comment
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Feature von Rilo Chmielorz

Fernando sah als 14-Jähriger die Lastwagen vorfahren. Marguerite und Olga waren zu jung, um zu begreifen, was im Herbst 1950 passierte. Ihre Väter und Brüder hatten gegen Franco gekämpft und mit ihren Familien in Frankreich überlebt. Mit Beginn des Kalten Krieges wurden die ausländischen Kommunisten der französischen Regierung unbequem.

Ab dem 7. September 1950 wurden die Spanier nachts auf LKWs weggefahren. Eine 30-köpfige Gruppe wurde zunächst in den Südwesten der Bundesrepublik, in die bis dato französisch-besetzte Zone, gebracht. Dort verfrachtete man sie in einen Bus und lud sie in der Nähe von Plaun ab. Die Spanier schlugen sich durch an die Grenze der DDR. Dort wurden sie als politische Flüchtlinge aufgenommen, erhielten Papiere, Wohnraum, Arbeit – und sorgfältige Überwachung.

Sie ließen sich erst in Dresden, später in Ost-Berlin zum Teil am schönen Orankesee nieder, wohin ihnen ihre Frauen und Kinder folgten. Marguerite, Fernando und Olga sind im „spanischen Kollektiv“ als DDR-Bürger aufgewachsen.

Produktion: DLF 2016

Deutschlandfunk   10.05.2016, 19:15 Uhr

scheitern ist.

April 21, 2016 by · Leave a Comment
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S C H I  T N    S T.

Feature von

Rilo Chmielorz

im gewöhnlichen nhd. gebrauch wird das wort nur in dem eben angegebenen sinne angewendet: das schiff scheitert, navis naufragium facit. Stieler 1750;

wie wenn ein schiff sich scheitert an den klippen. A. Gryphius 2, 114. 

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Schon mal das Gift des Scheiterns in den Adern gespürt, wenn man unbedingt etwas erreichen will, dann komplett Schiffbruch erleidet und sich in einem Meer von zerborstenen Holzscheiten wieder findet? Klar, denn was das Scheitern betrifft, sind doch eigentlich alle Experten.

Rilo Chmielorz inszeniert einen akustischen Schiffbruch. Und so fliegen dem Hörer zunächst die O-Ton-Fragmente um die Ohren wie die Holzscheite dieses im Zerbersten begriffenen Schiffes, um sich erst ganz allmählich zu etwas Eigenem zu fügen. Eine fragile Angelegenheit.

„Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.“ – Becketts Credo der Moderne. Scheitern ist. Nicht mehr und nicht weniger.

SWR2 Feature am Sonntag

So, 1.5. 2016

14.05 Uhr

 

 

 

forgotten cities

April 15, 2016 by · Leave a Comment
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Die Ausstellung ist nicht groß und keine Kriegsberichterstattung – und dennoch lässt sie den Betrachter an einer tiefberührenden Verdichtung von Bürgerkrieg teilnehmen. Wir sehen Bilder, die wir in den Medien nie zu Gesicht bekamen: Bürgerkrieg im Nahbereich: der verzweifelte Versuch so etwas wie Alltag und Alltägliches fest zu halten – dazwischen die Videosequenzen mit den Freunden auf der Flucht. Genau dahin lenkt uns Hayyan´s Blick und hier können wir uns den Ereignissen in Deir Ezzor im Osten Syriens nicht länger entziehen.

Ann Christine Jansson hat Hayyan bei seiner Odyssee durch die deutsche Bürokratie begleitet. Auch hier Begegnung im Nahbereich – wir spüren die Sorge eines jungen Mannes um Zukunft.

 

Forgotten city Filmmuseum invitation low

Formenti flopt – und das gleich bei der Eröffnung von maerz musik 2016.

März 12, 2016 by · Leave a Comment
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Nostalgische Erinnerung trieb mich an: Formenti´s Mammut-Konzert-Performance „nowhere“ 2012 in der provisorischen Architektur, dem Mobile House, von Kyohei Sakaguchi gleich vor dem Haus der Berliner Festspiele. Eine gläserne Architektur aus recycelten alten Fenstern. Formenti hatte sich hier eingerichtet mit einem Flügel und Noten. Auf dem Boden ein paar Matratzen. Man kam und blieb und hörte ihm zu. Man kam wieder und hörte zu. Wieder und wieder. Eintauchen in eine andere Zeit. Nur Musik. Und der Raum. Keine Worte. Intimität pur. Drei Wochen lang, jeden Tag. Das war mir damals zu kurz.

Gestern richtete sich Formenti auf der großen Bühne im Haus der Festspiele mit seinem Flügel ein, „time to gather“, so der Titel seiner Performance. Dazu ein paar Matratzen, Sofas und Sessel auf der Bühne. Ein hilfloser Versuch an jene Intimität des Mobile House von 2012 anzuknüpfen. Mir schwante schon Schreckliches. Völlig unvermittelt fängt er plötzlich an zu spielen – zwei Stücke. Ein ständiges Kommen und Gehen. Dann bricht Formenti ab und versucht sich als Moderator seiner eigenen Show, gibt dem Publikum Regieanweisungen in Kindergärtner-Manier. Die meisten stehen tatsächlich brav auf und holen sich noch schnell ein Getränk. Dann gibt es wieder ein Stück. Dann wieder Abbruch und mehr mangelhafte Moderation. Zeit vergeht und wird zur Tortur und das für 25 € Eintritt! Auch ich breche ab. Was für ein Flop. Schade.

P.S. Nach dem Flop mit den Freundinnen im Brel – wir genießen unsere Cocktails und den wunderbaren Klavierspieler, der uns mit Jazz-Klassikern und französischen Chansons auf´s allerbeste unterhält! Zum Schluss: viel Applaus für den unbekannten Klavierspieler!

das mobile house von Kyohei Sakaguchi, 2012

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Die Schlauen FüchsInnen: Sharon Kivland, Laurie Schwartz und Anna Clementi

Januar 11, 2016 by · Leave a Comment
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Sharon Kivland: The Natural Forms, Part II//The Readers. The Foxes. The Tracts. Some Coquetteries

Galerie Nord/Kunstverein Tiergarten, Turmst. 75, 10551 Berlin//noch bis zum 23.1.2016

 

Was wäre die Kunst ohne ihren (Material- und Objekt-)-Fetischismus? Es gäbe kein Begehren.

Sharon Kivland gibt uns in ihrer Ausstellung//Installation eine Lektion in Ökonomie, Geschichte und Geschlechterzuweisung. Gleichwohl keine anderen Machos als Marx und Freud ihr dabei Pate stehen, gelingt es Sharon hier dem Ausstellungsbesucher eine multimediale, sinnlich – erotisch-ironische – absolut intelligente – geradezu plastisch-essayistische Lektion auf Augenhöhe  zu erteilen, in dem der Ausstellungsbesucher zwangsläufig zum Komplizen wird:

Die serielle Anordnung ausgestopfter FüchsInnen, die die lachsrosafarbenen, seidenen Negligées der Damen ganz vorsichtig, fast zärtlich, im Maul tragen, stehen den Abziehbildern von Mannequins der 50er gegenüber und führen uns (ein) in den nächsten Raum: hier ist eine lange Tafel gedeckt mit Traktaten zum Warenfetisch von Marx, in denen die Frauen eine zentrale Rolle als ebensolche einnehmen, ebenso wie in Freud´s Text „zum Kastrationsschreck der Knaben“. Fein sind all´diese Texte zusammen gebunden mit Seiden-Bändchen (die wie Strumpfbänder oder ein Kasten Pralinés geöffnet werden wollen) im Verbund mit den Dernier Cris aus den „Cahiers du Mode“. Zu jedem Gedeck aus Traktaten fehlt hier zwar das Tafelsilber in Form eines  Sezierbestecks – aber wir spüren das die Forensikerin Kivland hier bereits ganze Arbeit getan hat – und sich metaphorisch längst eine der roten phrygischen Mützen aufgesetzt hat, die wie erleuchtende Kerzenhalter in der Mitte der langen Tafel aufgereiht sind. Spätestens hier setzt die Komplizenschaft ein, denn für jederman/frau ist die richtige Mützen-Größe dabei. Kivland fordert! – und hat längst eine Erosion in Sachen Geschlechterzuweisung ausgelöst. Die ausgestopften Wiesel auf den „Beistelltischchen“ der langen Tafel haben ihre roten Mützchen längst auf und gleich „Leseratten“ studieren sie mit dem Vergrößerungsglas in den Pfötchen in den berühmten, blauen Bänden und scheinen vor den diskreditierenden Inhalten zu warnen, gelten sie doch als Krafttiere, die aus beengenden Situationen befreien können.

Laurie Schwartz ihres Zeichens Komponistin und Kuratorin von Itinerant Interludes (siehe blog Juni 2015), und mit der Reihe an diesem Abend Gast im Kunstverein Tiergarten, ließ sich von Kivlands Konzept inspirieren und komponierte für Anna Clementi „Coquetteries“ – eine gestisch-vokale Komposition, die von Anna Clementi wie ein „Tableau Vivant“  in Klivlands Installation umgesetzt wurde: absolut virtuos, mal rezitierend, mal singend, mal perkussiv durch den Raum stöckelnd in knallrotem Morgenmantel, mal hysterisch schreiend und dann wieder ganz zärtlich im Verbund mit den schlauen FüchsInnen. Die Bärte von Marx und Freud sind spätestens seit dieser Uraufführung ab!!! Und aller Fetisch gerät bestenfalls zum ironischen Zitat und  zur subtilen Entlarvung männlicher Phantasien. Vor meinem geistigen Auge begehre ich auf Annas Kopf auch eine der roten phrygischen Mützen zu sehen und wie sich im Kanon ihrer stilisierten Gesten die erhobene Faust der Internationalen ballt, um dann frech und koquett zum Stinkefinger zu mutieren. Dass die Kuratorin Laurie Schwartz sich an diesem Abend selbst kuratierte möge ihr angesichts dieser genialen Synergie verziehen werden. Stürmischer Applaus!! und die drei Ladies very amused.

füchse in pose

 

 

tafel

 

anna pose

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